Forstwirtschaft in Zeiten von Corona – der Wald steht nicht still.

Wenn es einen Ort gibt, der im Trubel der Corona-Pandemie noch Ruhe und Beständigkeit ausstrahlt, dann ist das der Wald.

Seit dem 1. März diesen Jahres bin ich nun im forstlichen Praktikum im Forstrevier Bad Königshofen II beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Das dreimonatige Praktikum ist fester Bestandteil meines Studiums und soll uns kurz vor Ende unseres Studiums die gelebte Praxis im Forstbetrieb nahebringen. Und doch steht diese gelebte Praxis auf dem Kopf. Zwei Tage war ich schon in Quarantäne bis wir wussten, dass der Waldarbeiter, der zuvor im Urlaub in Südtirol unterwegs war, negativ getestet worden ist – dann konnten wir wieder weitermachen. Brennholz-Selbstwerber meldeten sich: die Polizei in Bad Neustadt an der Saale hatte ihnen zwar genehmigt, ihr Brennholz aus dem Wald zu fahren – es handele sich ja dabei um Arbeit und die sei weiterhin möglich -, aber die Polizei Bad Königshofen im Grabfeld war gegenteiliger Meinung und untersagte die Waldarbeit. Jetzt klärt das Ministerium die Angelegenheit.

Dieses Beispiel zeigt gut in welcher Lage die Forstwirtschaft derzeit ist. Eigentlich kann die Arbeit guten Gewissens fortgesetzt werden – bei Arbeiten im Wald wird sowieso ein Abstand von weit mehr als 1,5 Metern eingehalten, man ist an der frischen Luft, auch oft alleine, wenn man die Käferfichten mit roten Punkten markiert, damit sie vor Ausflug der Borkenkäfer rechtzeitig aus dem Wald kommen. Und wenn man eben doch zusammen in den Wald fährt, fährt jeder in seinem eigenen Auto – im Forstbetrieb auch nichts ungewöhnliches.

Dennoch ist es anders: die ganze Welt steht still, aber im Wald wird Holz gemacht – denn es muss gemacht werden bevor die Käfer ausfliegen und damit der Waldumbau hin zum artenreichen Mischwald weitergehen kann. Die Holzpreise brechen nicht erst seit Corona in sich zusammen, aber jetzt stellt sich die Frage, ob man immerhin noch so viel Geld für das Holz bekommt, dass es für die Finanzierung des Rückens und Aufarbeitens ausreicht. Und wenn die Käferfichten dann doch aus dem Wald herausgeholt wurden, sagt die Pflanzfirma ab, die 150.000 neue Bäume pflanzen sollte, um den Waldumbau voranzutreiben, da die Pflanzarbeiter*innen aus Osteuropa nicht nach Deutschland einreisen können.

Die Waldarbeit muss weitergehen – der Sommer naht!

Nach den Dürresommern 2018 und 2019 haben die Wetterexpert*innen für den anstehenden Sommer erneut drückende Hitze und wenig Niederschlag vorhergesagt. Schon im vergangenen Jahr konnte nicht im Herbst mit dem Pflanzen neuer Bäume begonnen werden, weil der Waldboden noch viel zu trocken war. Das Pflanzen begann erst im Januar diesen Jahres und aufgrund der nun wieder gut feuchten Böden hatte man sich erhofft, bis April durchpflanzen zu können – nun ist uns das Coronavirus dazwischen gekommen. Und dennoch muss die Waldarbeit weitergehen, denn im Wald läuft uns die Zeit davon. Im Nadelholz können wir bereits die dramatischen Schäden von Trockenheit und Käferbefall an den braunen Kronen erkennen – wie es jedoch um das Laubholz steht wissen wir erst, wenn die Laubbäume nun wieder anfangen, Laub zu tragen. Nachdem letztes Jahr die Buche massiv in Trockenstress geraten ist und die Grundwasservorräte immer noch nicht wieder aufgefüllt sind, könnte es dieses Jahr den Tiefwurzler Eiche treffen, die in den vergangenen Jahren immer noch auf tiefgründige Wasservorräte zurückgreifen konnte. Dass durch den Virus nun vielerorts Verkehr und Industrie stillstehen, mag gut für die Klimabilanz der Bundesregierung sein, hilft kurzfristig jedoch dem Wald erstmal nichts: wenn der Sommer 2020 wieder ein Dürresommer wird, dann knallt es im Wald. Und dann wird aus der Ruhe, die derzeit der Wald noch auf diejenigen ausstrahlt, die sich zum Solo-Spaziergang in seine Tiefen begeben, bald der nächste Waldbrand, der nächste Käfer-Fraß und weiter fallende Holzpreise – das wird auch der steigende Klopapier-Konsum nicht wett machen können.

Schluss mit Billiglohn in Land- & Forstwirtschaft!

Wir müssen jetzt den Förster*innen und Waldarbeiter*innen draußen im Wald den Rücken stärken und ihnen genügend fachliches Personal zur Seite stellen, mit denen der Waldumbau auch in Zeiten von Corona weitergehen kann. Dass der Personalabbau in den bayerischen Forstämtern seit der Forstreform ein großer Fehler war, ist vielen schon lange klar. Dazu kommt nun noch die Abhängigkeit von Pflanzunternehmer*innen, deren Arbeit genau wie die vieler Förster*innen von Staat und Kommunen auf private Holzunternehmen ausgelagert wurde. Wenn Thurn & Taxis nicht den Harvester schickt, kommt das Käferholz nicht aus dem Wald. Und wenn die Pflanzfirma nicht arbeiten kann, weil sie kostensparend auf osteuropäische Arbeiter*innen setzen muss, kann in Zeiten von Corona nicht gepflanzt werden. Und als Förster steht man daneben und kann nur den Kopf schütteln. Die Sparpolitik im Wald fällt uns gerade jetzt, wenn über 150 Milliarden in der Corona-Krise locker gemacht werden, auf die Füße. Die Antwort auf unwürdig bezahlte Arbeitskräfte aus Osteuropa in der Land- & Forstwirtschaft darf jetzt nicht – wie von Bayerns Innenminister Hermann angekündigt – sein, die Asylsuchenden auf die Felder zu schicken. Nein wir brauchen endlich wieder gut bezahlte Arbeit im Wald und in der Landwirtschaft. Es geht um die Existenz des Waldes – und damit auch um die unsrige.

Niklas Wagener.

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